von | Jan 19, 2021

Reicht es nicht einfach Mensch zu sein? Wurde ich einmal gefragt. Wir sind doch alle Menschen.

Ja & nein würde ich antworten. Ja es reicht einfach Mensch zu sein, wenn beide Energien – maskuline & feminine in uns selbst, in unseren Beziehungen & auch in unseren gesellschaftlichen Strukturen ausbalanciert sind. Dann reicht es einfach Mensch zu sein. Und wie schön wäre es, wenn wir alle einfach Mensch in unser Einzigartigkeit sein & die Vielfalt in unseren Beziehungen & Arbeitswelten wertschätzen könnten & respektiert würden.

Das ist jedoch nicht der Fall in unserer Zeit. Heute sind die maskulinen Kräfte um ein Vielfaches stärker als die femininen – in Männern & Frauen, in allen Bereichen & in fast allen Gesellschaften.* Und das hat Auswirkungen auf uns & unsere Möglichkeiten als Frauen.  

 

Als junge Ethnologin in der Vorbereitung zu meiner Feldforschung in Mittelindien mit meinem damaligen Professor verkündete dieser mir: „Sie können dann für Paul** (mein Kommilitone, der mit mir zur Feldforschung ging) kochen. “Momentmal, dachte ich, was wird denn hier gespielt? Wie sieht mich mein Professor, der mich eigentlich unterstützen sollte? Damals war ich einfach nur geschockt. Erst später, nachdem ich mich intensiv mit Diskriminierung beschäftigt hatte, verstand ich, dass dies der persönliche Ausdruck von struktureller Ungleichbehandlung von Frauen an Universitäten war. Es war eines von vielen Malen, in denen mich das System spüren ließ, dass ich als Frau weniger wert bin & nicht in gleichen Maßen gefördert werde, wie meine männlichen Kommilitonen.

Ich spürte innerlich, dass ich mich als Frau mehr anstrengen musste, bessere Leistungen bringen musste, meinen Wert mehr unter Beweis stellen musste, als meine männlichen Kommilitonen. Das zeigte sich dann auch im Verlauf der Feldforschung & in den Jahren danach.

Dazu kam meine spirituelle Ausrichtung. Schon bevor ich das 1. Mal nach Indien fuhr, hatte ich meditiert, Schwitzhütten besucht, mich mit schamanischer Weltanschauung beschäftigt.

 

Ich war anders orientiert als die meisten meiner Kommiliton*innen & definitiv als meine Professor*innen & Dozent*innen. Mich interessierte nicht nur die Kultur, sondern ich wollte verstehen & fühlen, was Menschen in anderen Kulturen erleben. Gleichzeitig war ich nicht bereit mein Privatleben für eine Karriere in der Uni mit höherem Aufwand als Männer zu opfern. Also brach ich mein Promotionsvorhaben ab, verließ die Uni & schuf mir eine Halbtagsstelle in der Flüchtlingsberatung. Das entsprach meinen Interessen & gab mir gleichzeitig die Freiheit viel Zeit mit meinem kleinen Sohn zu verbringen. Die Bindung zu meinem Sohn war mir wichtiger als Karriere. Aber es hat mich einiges gekostet – Ansehen, Karriere an der Uni & nicht zuletzt gutes Einkommen.

 

Das Machtparadox von Frauen

Frauen haben viel erreicht in den vergangenen 140 Jahren, seit Frauen 1895 in den Universitäten zugelassen wurden. Viel hat sich verändert in den letzten 3 Jahrzehnten dank der Feministischen Bewegung. Frauen sind heute in allen Bereichen der Gesellschaft – Wirtschaft, Politik, Gesundheit, Lehre, Forschung, ja sogar in der Raumfahrt – präsent.

Doch trotz gesetzlich verankerter Gleichberechtigung stoßen Frauen weiterhin an strukturelle Barrieren. Sie verdienen noch immer durchschnittlich 21 % weniger als Männer auf gleicher Bildungsebene & Beruf. Tätigkeiten & Berufe, die als „weiblich“ gelten, haben gesellschaftlich geringeres Ansehen & werden geringer vergütet. Frauen sind zahlenmäßig noch immer unterrepräsentiert in hohen Positionen. In Führungspositionen sind bis heute nur zu 30% vertreten, auf der Vorstandebene nur zu 3%. Das ist strukturelle Diskriminierung gegenüber Frauen, die sich auf die persönlichen Überzeugungen über sie selbst, über andere & über das Leben niederschlagen.

Dennoch, haben Frauen heute, zumindest in der westlichen Welt, alle Chancen ein außergewöhnliches Leben zu führen & an der Gestaltung der Zukunft unserer Welt mitzuwirken. Das spüren wir, oder? Wir haben das Gefühl, dass wir viel mehr erreichen können, als unsere Mütter & Großmütter. Diese innere Stimme, die uns ruft, unsere Träume zu verwirklichen, unsere Gaben in die Welt zu bringen, hörst du sie? Und glaubst du auch, dass dies der Moment ist?

Was hält uns bei all dieser Möglichkeiten zurück?

Wir spüren dieses Potenzial in uns & wir fühlen uns mächtig & kraftvoll, all diese Möglichkeiten auszuschöpfen. Und gleichzeitig fühlen wir uns machtlos, die Dinge zu erschaffen, nach denen wir uns am meisten sehnen. Warum ist das so? Was hält uns zurück? 

Hier ist die Antwort.

Frauen haben das gesellschaftliche Machtungleichgewicht verinnerlicht. Dabei haben sie verschiedene Strategien entwickelt, ihre eigene Position darin zu finden. Die einen haben darauf fokussiert, das maskuline Machtsystem zu manövrieren & erfolgreich Karriere zu machen. Andere Frauen, wie ich, haben diese Option abgelehnt, ihre spirituelle Seite oder ihre familiären Bindungen gestärkt & dafür ihre Karriere & ihren wirtschaftlichen Status geopfert. Beides sind verschiedene Reaktionen auf das maskuline Machtsystem, in dem die Potenziale von Frauen nicht vollständig wertgeschätzt & gefördert werden.

Inzwischen zeigt die Forschung, dass auch die Frauen, die es in die oberen Führungsebenen geschafft haben, erfolgreich Unternehmen leiten, häufig unzufrieden sind & nach Jahren erfolgreicher Karriere aussteigen. Nicht weil ihnen die Arbeit keinen Spaß macht, sondern weil sie merken, dass ihre Werte, ihre Ideen nicht mit dem übereinstimmen, was das Unternehmen von ihnen verlangt. Sie haben andere Führungsstile als Männer, werden häufig weniger ernst genommen, da sie anders kommunizieren als Männer. Sie können ihre Kompetenzen in den männlichen hierarchischen Strukturen nicht zu 100 % einbringen & werden unzufrieden. Viele machen sich selbständig oder gründen eigene Unternehmen.

Frauen sind nicht weniger klug, nicht weniger leistungsfähig, nicht weniger durchsetzungsstark als Männer. Im Gegenteil, mehr Frauen als Männer schließen die Universität ab. Mehr Frauen erarbeiten heute das Familieneinkommen.

Frauen leben heute in einem Machtparadoxon

Einerseits haben sie alle Möglichkeiten, können selbst entscheiden, was sie mit ihrem Leben tun wollen, treten raus aus alten Rollenmustern, anderseits sind sie gebremst von inneren Zweifeln & mehr oder weniger bewussten Gefühlen von Minderwertigkeit. Das geht erfolgreichen Frauen nicht anders als weniger erfolgreichen Frauen. Das ist nicht angeboren, sondern erlernt.

Die gesellschaftlichen Barrieren wirken auf Frauen. Frauen sprechen ihre Gedanken aus, wenn sie zu 85% sicher sind, das diese wertvoll sind & beitragen. Männer sprechen, wenn sie 25% sicher sind. Frauen bewerben sich auf eine Stellenanzeige, wenn sie von sich glauben, dass sie 80% der geforderten Voraussetzungen erfüllen. Männer tun dies bei 20%.

Wer glaubst du, bekommt in den meisten Fällen den Job? – Richtig, der Mann. 

Das habe ich wieder & wieder erlebt. Dahinter steckt nicht unbedingt böser Wille oder gar die Absicht zu diskriminieren.

Auch wenn behauptet wird, die Entscheidungen fallen entsprechend des Anforderungskatalogs und der nachgewiesenen Kompetenzen der Bewerber*innen, stimmt das nur zum Teil. Entscheidungen werden auf Grundlage (meist) unbewusster Vorannahmen getroffen.

Statistiken zeigen, Männer stellen Männer ein.

 

Gesellschaft in Balance

Frauen stehen vor 2 Barrieren

1. der strukturellen Barriere – maskuline Dominanz & Werte in strategischen Positionen &

2. der persönlichen Barriere – geringes Selbstvertrauen in ihre Fähigkeiten & Kompetenzen, oft einhergehend mit einem tiefsitzenden Gefühl von Wertlosigkeit..

Das macht es so wichtig, dass die feminine Kraft & sog. feminine Werte in uns allen – unabhängig davon, welchem Geschlecht wir uns zuordnen – gestärkt werden, um eine Balance in das gesellschaftliche Machtungleichgewicht zwischen den Geschlechtern zu bringen.

Frauen benötigen dabei andere Unterstützung als Männer. Frauen müssen sich individuell ihren Selbstwert, ihre Kompetenzen & Fähigkeiten aneignen, so dass sie mit der gleichen Sicherheit auftreten können wie Männer und dabei gleichzeitig ihre weiblichen Energien nicht verneinen, sondern kraftvoll bejahen.

Im Frauenkraft Coaching unterstütze ich Frauen, sich ihrer einzigartigen Talente und Kompetenzen sowie ihrer weiblichen Kraft voll bewusst zu werden und ihre Träume daraus zu verwirklichen.

Gesellschaftspolitisch müssen die den Kompetenzen zugeschriebenen maskulinen & femininen Werte ausbalanciert werden. Soziale Kompetenzen sog. Soft Skills müssen fachlichen Kompetenzen sog. Hard Skills mindestens gleichwertig gewichtet werden.

Das wäre schonmal eine gute Grundlage, damit wir einfach Mensch sein können. Wie kraftvoll wäre das für uns alle. 

 

* Ich sage fast aller Gesellschaften. Denn es gibt sie noch die sogenannten Matriarchate. In diesen Gesellschaften haben nicht etwa Frauen die Oberhand – wie uns das männliche Gelehrte gerne weismachen wollen. Nein, hier sind die Kräfte ausgeglichen. Dass das so ist, zeigt die – in der Wissenschaft nicht sehr beliebte – Matriarchatsforschung.

** Name geändert

Foto by Joel Muniz. unsplash.com

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Nalini

Coach & Mentorin für Frauen Empowerment | Diversity-Expertin | Interkulturelle Trainerin | Autorin | Ethnologin