von | Apr 27, 2021 | Frauenkraft

Erste oder zweite Reihe?

Kennst du das?

Du gehst zu einem wichtigen Meeting und sitzt am Rande des Tisches, während dein Kollege oder Chef ganz selbstverständlich in der Mitte Platz nimmt.

Du gibst ein Seminar mit einem männlichen Kollegen, du sprichst und alle gucken genervt. Dein Kollege wiederholt genau die gleiche Aussage und erntet Begeisterung.

Hab ich beides so erlebt.

Das Privileg der westlichen Frau

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Frauen – zumindest per Verfassung – in jeder Hinsicht gleichberechtigt sind. Das ist nicht selbstverständlich auf dem Globus. Die meisten Frauen in den meisten kontemporären Gesellschaften & auch unsere Vorfahrinnen haben & hatten dieses Privileg nicht.

Auch wenn es sich für uns nicht mehr so anfühlt, Gleichberechtigung der Geschlechter ist relativ neu. Bis 1962 durfte eine Frau in Westdeutschland ohne die Einwilligung ihres Ehemannes kein Konto eröffnen. Selbst wenn sie eigenes Einkommen hatte, hatte der Ehemann volle Verfügungsgewalt darüber. Bis 1977 durfte eine Frau keinen Job annehmen ohne Einwilligung des Ehemannes. Er konnte das Arbeitsverhältnis seiner Frau kündigen. Bis dahin war der Ehemann Alleinverdiener.

Und die „Pflicht der Ehefrau“ war es, den Haushalt zu führen und ihm den Rücken frei zu halten. Erst 1997 wurde der Paragraph laut dem ein Mann die „eheliche Pflicht“ seiner Ehefrau gewaltsam einfordern konnte, sprich Vergewaltigung in der Ehe, aufgehoben. Wer kann sich diese Ungerechtigkeiten heute noch vorstellen? Und doch ist es noch keine 50 Jahre her.

Wir können alles erreichen, aber es fällt so schwer es zu schaffen

Heute haben Männer wie Frauen das Gefühl, alles erreichen zu können. Frauen verdienen eigenständig ihren Lebensunterhalt, oft sogar den der ganzen Familie. Sie nehmen gleichberechtigte Rollen in der Partnerschaft ein & teilen vielfach die familiären Verantwortlichkeiten mit Partnern & den Vätern ihrer Kinder. Das ist gut. Frauen könnten glücklich sein, das alles erreicht zu haben. Doch die Realität zeigt dies nicht. Eine von 4 Frauen leidet unter Depressionen. Die Anzahl ist doppelt so hoch wie bei Männern.

Gleichzeitig erwacht in vielen Frauen eine Sehnsucht. Eine innere Stimme, die – vielleicht ganz leise – daran erinnert, das mehr Potenzial in ihr steckt. Wir fühlen uns zu einem viel größeren Leben berufen. Wir spüren, da ist so viel mehr Potenzial in uns, das sich verwirklichen will.

Und dennoch fällt es vielen Frauen sehr schwer, dieses Potenzial, das sie tief in sich spüren, in die Welt zu bringen: erfüllende, authentische Beziehungen zu leben, eine Arbeit zu schaffen, die ihren Werten entspricht und in der sie sich voll einbringen können, Einfluss zu haben, eine Stimme zu haben, ihre Spiritualität in allen Bereichen ihres Lebens auszudrücken.

Nur 15 % Frauen sind in Deutschland Gründerinnen von Unternehmen. In den 200 deutschen Spitzen-Unternehmen sind nur 9 % der Vorständ*innen Frauen. Im deutschen Bundestag beträgt die Frauenquote ca. 30 %. Weltweit sind von 190 Regierungschef*innen nur 9 Frauen.

 

Warum ist das so?

Eine Bremse ist das bestehende Machtparadigma

Wir leben in einer maskulin-dominierten Welt. Das heißt nicht, dass wir persönlich unterdrückt sind von Männern. Nein wahrscheinlich bist du es nicht. Und doch sind alle Strukturen in denen wir arbeiten, leben und lieben noch immer männlich geprägt.

Die kollektive Erfahrung von Mädchen & Frauen ist von Beginn an eine andere als die von Jungen & Männern. Mädchen werden in eine Welt geboren, in der sie per se unsicherer sind als Jungen. Dafür gibt es bislang wenig Bewusstsein in dieser Gesellschaft.

Wenn du, wie ich in den 70er Jahren oder früher geboren bist, wurde dir als Mädchen in der Schule wahrscheinlich noch gesagt, Mädchen könnten nicht rechnen. Heute ist das sicherlich überholt, hoffe ich zumindest. Aber die Strukturen und die alten Denkweisen sind noch da. Männer wie Frauen haben sie verinnerlicht.

Hier ein paar Beispiele, wie sich dies ausrückt:

Frauen, die in hohen Führungspositionen arbeiten, haben maskuline Qualitäten entwickelt & feminine Qualitäten geopfert. Körperliche Beschwerden, Burn-Outs, Depressionen können die Folgen der Disbalance sein. Einigen wird dies mehr & mehr bewusst, Sie verlassen gut bezahlte Jobs, um eigene Wege zu finden.

Jüngst habe ich mit einem sehr jungen männlichen Kollegen gearbeitet. Er hatte weder seine Ausbildung beendet, noch Arbeitserfahrung in dem Feld, in dem wir kooperierten. Und dennoch war es ganz selbstverständlich für ihn, dass er das gleiche Honorar erhält wie ich. Hat er doch verdient, oder?

 

Heidi oder Howard?

In einer Studie an der Columbia Business School hat Professor Flink nachgewiesen, wie Männer und Frauen über die Geschlechterzugehörigkeit denken, wenn es um ihre*n Chef*in geht. Er teilte die Klasse und gab jeder Hälfte die exakt gleiche Personalbeschreibung der erfolgreichen Sillicon Valley Unternehmerin Heidi Roizen, mit einem Unterschied: Heidi wurde zu Howard für einen Teil der Klasse. Die Student*innen bewerteten „Howard“ und Heidi, gleichermaßen kompetent (immerhin!), aber sie mochten „Howard“ lieber als Heidi. Heidi wurde zugeschrieben, egoistischer als Howard zu sein.

Führung & Frausein passt offenbar nicht zusammen. Was bei Männern als attraktiv angesehen wird, gilt nicht für Frauen.

Hat Ihr Geschlecht eine Rolle gespielt bei der Entscheidung …?

Auch Anne Will präsentiert sich als gutes Beispiel für verinnerlichtes patriarchales Mindset, wenn sie Annalena Bearbock, die designierte Kanzlerkandidatin der Grünen in ihrer Sendung am 25. April 2021 löchert, ob denn ihr Geschlecht eine Rolle bei der Entscheidung für sie als Kandidatin gespielt hätte. Und auch dann nicht aufgibt, als Frau Baerbock diese Frage beantwortet.

Frauen müssen sich beweisen. Sie müssen beweisen, dass sie Durchsetzungskraft, Führungskompetenz besitzen und gleichzeitig empathisch sind und alles im Blick haben. Bei Männern genügt Führungskompetenz und Durchsetzungskraft. Niemand – weder männliche noch weibliche Moderator*innen würden einen Mann fragen, ob sein Geschlecht eine Rolle bei der Entscheidung für ihn gespielt habe. Warum auch? Männer haben für Führungspositionen nun mal das richtige Geschlecht, oder?

Es wird Zeit, dass wir das ändern.

Diese maskulinen Denkweisen & Strukturen haben Männer wie Frauen verinnerlicht. Frauen spielen Diskriminierung, die sie erfahren, oftmals runter. Wir wollen sie nicht wahrhaben, nicht wahrnehmen, wir verbergen sie in uns, denn jede Diskriminierung ist schmerzhaft. Eine Dauerwunde, die brennt, möchte niemand gerne fühlen. Und doch ist es notwendig, dass Frau sich jede Ungleichbehandlung bewusst macht. Denn nur was ans Licht kommt, können wir ändern.

Mach es bewusst, dir selbst & anderen. Friss die Wut & die Scham nicht in dich hinein, sondern lass sie zu & lass sie raus. Schrei sie raus, schreib sie raus, spricht über deine Gefühle. Verharre nicht in Gedanken & Gefühlen, du seist es nicht wert oder hättest es nicht verdient.

Du bist wertvoll & hast verdient, was immer du in dir spürst & verwirklichen möchtest.

Es wird Zeit!

Es wird Zeit, dass Frauen nicht nach ihrem Geschlecht befragt & beurteilt werden, wenn sie sich äußern oder Führungspositionen anstreben.

Es wird Zeit, dass Frauen sich sicher fühlen können, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigen.

Es wird Zeit, dass Frauen wie Männer entsprechend ihrer Kompetenzen und Erfahrungen bezahlt werden.

Es wird Zeit, dass Frauen nicht nach ihrem Äußeren beurteilt werden.

Es wird Zeit und es ist dringend, dass wir Frauen in unsere wahre Kraft wachsen, uns zeigen, nicht nur in unseren Stärken, sondern auch in unserer Verletzbarkeit.

Das ist leichter gesagt, als getan.

Warum Frauen Macht ablehnen, auch wenn sie einen inneren Ruf spüren, die Führung zu übernehmen, erfährst du im nächsten Blogartikel.

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Daya Nalini Gudermuth

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Nalini

Coach & Mentorin für Frauen Empowerment | Diversity-Expertin | Interkulturelle Trainerin I Autorin | Ethnologin