Die (Verk)Ehrung unseres Mondblutes

von | Aug 17, 2019 | Weiblichkeit

Meine spirituelle Laufbahn fing früh an. Mit 16 Jahren hab ich meine ersten Yogaübungen auf dem Teppich in unserem Wohnzimmer praktiziert. Das war in den 80er Jahren in Ost-Berlin. Damals gab es keine Yoga-Schulen. Ich hatte „zufällig“ ein Buch über Yoga bekommen und probierte es aus. Mein erstes Üben half mir meine Verspannungen zu lösen. Mit Anfang 20 – die Mauer zwischen Ost und West war gerade gefallen – traf ich meine erste spirituelle Lehrerin, eine Guru aus Indien. Ich lernte zu meditieren. Aber, so wurde mir damals beigebracht, meditiere nicht wenn du blutest. Warum nicht, fragte ich mich? Die Antwort kam gleich dazu: Die Energie geht beim Meditieren nach oben, dein Blut fließt jedoch nach unten. Das würde einen Energiestau produzieren. Zunächst glaubte ich es. Es klang plausibel. Dann aber probierte ich es trotzdem aus. Ich achtete genau auf meinen Körper. Nichts anderes passierte als sonst auch, kein Stau, kein negatives Gefühl, mein Körper fühlte sich an wie immer, die Gedanken kamen und gingen. Woher kam diese Vorgabe?

Als junge Ethnologin in Indien lernte ich, dass Frauen höherer Kasten, wenn sie bluten, nicht kochen dürfen, kein Essen berühren dürfen, was sie ihren Ehemännern sonst bereiten und servieren müssen. Ich lernte, die Frau sei unrein, während sie menstruiert, und diese Unreinheit würde sich auf den Ehemann übertragen. Er würde seiner Kraft beraubt. In diesen Zeiten essen die Männer außerhalb des Hauses oder eine andere Frau übernimmt das Kochen. Das als Unterdrückung der Frau zu hinterfragen war in der Ethnologie der 90er Jahre Tabu.

Doch irgendwie ließ mich das Verbot, während der Menstruation zu meditieren, nicht los. Ist diese Vorgabe vielleicht nur eine weitere Komponente der patriarchalen Ideologie der Hindu-Religionen? Meine indische Lehrerin kam aus einer Hindu-Tradition. Ihr Lehrer war ein Mann-Guru.

Viele Jahre später traf ich auf die gleiche Regel in einer Schwitzhütte. Eine Frau war lange gereist, um an der Zeremonie teilzunehmen, nur um dann zu erfahren, dass sie in die Schwitzhütte nicht hinein dürfe, weil sie gerade blute. Was für eine Enttäuschung! Der Schwitzhüttenleiter war ein Mann. Seine Herkunft: ein indigenes Volk in Kanada.

Ich habe in den vergangenen 25 Jahren viele spirituelle Lehrer, Lehrerinnen und Traditionen kennengelernt und ausprobiert. Nicht alle haben Frauen verboten, während ihres Blutens zu praktizieren, aber viele. Was also ist dran an dieser numinosen Regel? Warum werden wir Frauen gerade in unserer kraftvollsten, für die geistige Welt offensten Zeit ausgeschlossen? Und was macht das mit uns?

Ein Viertel bis ein Drittel der Frauen in Deutschland leiden unter ausgeprägten Menstruationsbeschwerden. Frauen, bei denen Schmerzen mit der Menarche beginnen leiden unter diesen in der Regel bis zur Menopause. Das sind immerhin 30 – 40 Jahre regelmäßige Schmerzen für 2 – 4 Tage pro Monat. Wow! Gleichzeitig wird von uns verlangt, im Beruf, in der Familie, im sozialen Miteinander jederzeit einsatzfähig zu sein. Wir sollen und wollen mindestens genauso leistungsfähig und immer bereit sein wie Männer. Das diktiert uns nicht nur die Leistungsgesellschaft, sondern auch die Gleichstellung, für die wir noch immer kämpfen.

Also unterdrücken wir unser Blut. Die Erfindungen, auf die wir dabei zurückgreifen können, sind vielfältig: Antibabypille, Depotspritze, Verhütungsring, Hormonimplantat, Verhütungspflaster, Kupferspirale dienen zwar in erster Linie der Verhütung von Schwangerschaft – eine Freiheit, die wir uns leisten möchten – tatsächlich greifen sie alle tief in unseren Hormonspiegel und damit in unseren Blutzyklus und unsere weibliche Kraft ein. Viele Frauen bluten weniger bis gar nicht mehr und das über Jahre. Für die von uns, die das alles für sich nicht möchten, gibt es immer noch Tampons und Binden, womit wir unser Blut auffangen und dann in den Müll entsorgen können. Auch hier ist die Vielfalt groß, für jede Blutung das richtige Maß. Wir werden mit Werbung und Slogans überhäuft, die uns suggerieren, unser Blut sei lästig, unrein. Es darf auf keinen Fall für andere sichtbar sein. Wird die Werbung eigentlich von Frauen gemacht?

Selbst wir Frauen reden im Arbeitsalltag eher selten über unser Bluten und wenn, dann eher über die Beschwerden, die wir damit haben. Das war nicht immer so und so denke ich, muss und sollte auch nicht so bleiben. Seit Beginn der Menschwerdung bis zum Einsetzen patriarchaler Gesellschaftsstrukturen vor ca. 8.000 Jahren wurde das Blut der Frau verehrt, geheiligt und mit Zeremonien gewürdigt. In einigen Gesellschaften ist das noch heute so. Frauen, die zusammen leben, bluten gemeinsam. Für diese besondere Zeit ziehen sich Frauen aus dem Alltagleben zurück, verbringen die Zeit gemeinsam und dabei achten sie ganz besonders auf ihre Träume, denn diese haben die Kraft der Weissagung. Sie wissen, dass dies für sie eine kraftvolle, magische Zeit ist, die sie nicht mit Alltäglichkeiten, sondern in besonderer Achtung und Ehrung ihrer Kraft und Würde verbringen.

Diese Praxis und die Ehrung des Frauenblutes wurden mit Aufkommen des Patriarchats umgekehrt und mit der Ideologie von Unreinheit belegt. Das heilige Blut der Frau, das ohne Verletzung fließt und die Basis für menschliches Leben ist, wurde schmutzig und der einst heilige Rückzug von Frauen wurde zu ihrem Ausschluss verkehrt und so zu einem Machtmittel für ihre Unterdrückung. Nicht nur in den Buchreligionen – Judentum, Christentum und Islam, sondern auch in hinduistischen, buddhistischen und sogenannten „schamanischen“ Traditionen.

Warum nun aber akzeptieren wir westlich-aufgeklärte Frauen diese Ausgrenzung in unserem spirituellen Wachstum? Warum folgen wir den Anweisungen männlicher Gurus, Schamanen, Yoga-Lehren etc., unsere Körper zu verleugnen und damit unsere Kraft zu unterdrücken und das auch noch ganz im Sinne unseres spirituellen Wachstums?

Der Kirche und des christlichen Glaubens an den Vater und die Vergebung unserer Sünden haben wir uns größtenteils entledigt. Aber haben wir uns damit auch den patriarchalen Unterdrückungsmechanismen entledigt? Oder sind diese in uns so verinnerlicht, dass wir ohne genauer Hinzuschauen nun Gurus und Lehren aus nicht-westlichen Traditionen folgen, die uns Erleuchtung versprechen und dabei ganz offensichtlich die patriarchalen Strukturen tradieren und uns weiterhin lehren, unser Blut zu unterdrücken oder uns ausschließen, wenn wir bluten?

Dabei hat weibliche Spiritualität noch zu patriarchalen Zeiten eine lange anhaltende Tradition in Europa, die erst mit der Verbrennung von bis zu 100.000 Frauen durch die Kirche ausgelöscht wurde. Damit wurde nicht nur die Spiritualität, sondern auch das gesammelte Heilwissen verbrannt und Frauen wurden ihrer Stellung als Geburtshelferinnen, Heilerinnen, Magierinnen und Beraterinnen für alle Lebenslagen beraubt.

Die Geschichte der Medizin von Hippokrates (460 – 377) bis heute ist geprägt durch die patriarchale Abwertung des weiblichen Körpers. Das Blut der Frau wurde wenn nicht gar als Krankheit, so zumindest als Ausdruck für Nervenschwäche und das Mangelwesen der Frau abgewertet. Das wirkt bis heute in uns Frauen.

Wir haben den Zugang zu unseren Körpern, vor allem aber zu unserer größten Kraftquelle – unserem Schoßraum – verloren oder verleugnet. Unsere Gesellschaft ist vergeistigt. Unsere Körper sollen funktionieren, damit wir ungehindert im Einsatz sein können. Wie sollen wir also merken, dass in unserer Spiritualität etwas fehlt? Wie sollen wir wissen, dass unser Blut heilig und unser Schoß, unsere Gebärmutter unsere Kraftquelle ist?

Frag dich selbst: Bin ich in meinem Körper zuhause? Bin ich mit meiner Gebärmutter verbunden? Bin ich mit der Erde verbunden? Wie stehe ich zu meiner Menstruation? Sei ehrlich mit dir!

Es ist Zeit ihr lieben Frauen für eine ganzheitliche Spiritualität, bei der unser Blut ungehindert fließen darf!