Kürzlich wurde ich gebeten, an einer Umfrage zum Thema Stress teilzunehmen. Ich schaute mir die Umfrage an und stellte fest, dass ich keine der Fragen beantworten konnte. Ich lebe stressfrei.

„Und was ist dein Geheimnis deines stressfreien Lebens?“ wurde ich daraufhin gefragt. 

Hier kommen die Antworten:

1. Es ist eine Entscheidung. Ich hab ein Anti-Stress Mindset

Ich lasse mich nicht stressen, egal was um mich herum passiert oder erwartet wird. Wenn die Welt Kopf steht, dann steht sie eben Kopf, wird sich auch wieder aufrichten. So meine Devise.

Früher hab ich mal gedacht, ich könnte kreativer unter Stress – in dem Fall unter Zeitknappheit – arbeiten. Das stimmt aber nicht. Ich habe herausgefunden, dass ich entspannt viel kreativer bin. Also fange ich Dinge früher an, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt sein müssen. Und guess what: Ich bin dabei nicht nur entspannter, sondern mit dem Ergebnis auch viel zufriedener.

2. Ich trenne nicht zwischen Arbeit und Freizeit

Die Idee der Trennung zwischen Arbeit und Freizeit kam mit der Epoche der Industrialisierung auf. Zuvor und vorallem im bäuerlichen Leben lebten die Menschen auch in unseren Breiten größtenteils im Einklang mit den Rhythmen der Natur und den Erfordernissen der Landwirtschaft.

Wir sind heute so an diese Trennung von Arbeit und Freizeit gewöhnt, dass wir sie kaum noch hinterfragen. Alle Maßnahmen zur Work-Life-Balance und ähnliches fußen auf dieser Idee.

Auch ich habe daran geglaubt, bis ich zur Feldforschung zu sog. Stammesgesellschaften in Indien kam. Hier lebte ich mit Menschen, die nie gestresst waren. Sie ließen sich einfach nicht aus der Ruhe bringen, egal wieviel zu tun war, ob der Bus rechtzeitig kam oder nicht (oft kam er auch gar nicht). Das hat mich damals ziemlich geflasht. Mir wurde klar, dass die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit nur unser kulturelles Konzept ist. Die Menschen in Indien waren entspannt und viel glücklicher als die meisten bei uns.

Mit anderen Worten: Stress ist kulturell konstruiert, wie alles andere auch, was wir für richtig halten. Es gibt sehr auf dieser Erde viele Varianten Zusammenleben zu organisieren. Wenn ich das verstehe, kann ich wählen, welcher Konstruktion ich folge – vorausgesetzt ich kenne ein paar, aus denen ich wählen kann.

Aber wie das in unser durchstrukturiertes Leben mit Arbeit, Kindern, Haushalt etc. bringen?

Nachdem ich zurück aus Indien und wieder im Alltagtrott verfangen war, habe ich eine Entscheidung getroffen. Ich entschied mich dafür, nur Sachen zu machen, die mir Spaß machen, auch wenn ich damit Geld verdiene. Meine Brotjobs habe ich dementsprechend gewählt.

Natürlich gibt es auch in meinem Leben, Dinge, die getan werden müssen und die nicht oben auf meiner Spaßliste stehen. In dem Fall nehme ich mir Zeit zu kontemplieren, warum ich es tue, was ich daraus lernen kann und wie es mir für mein Leben weiterhilft. Das funktioniert. Probier’s aus!

Mit dieser Entscheidung lebe ich bis heute entspannt. Und es wirkt nicht nur für mich und mein Leben. Selbst als Geschäftsführerin  war ich mit diesem Credo sehr entspannt und habe dies in der Führung weitergegeben. Manchen Kolleg*innen viel es schwerer. Zu tief sitzen die Antreiber in uns. Letztlich haben auch sie damit einen guten Umgang gefunden. War aber nicht immer leicht 😊

3. Ich habe eine gute Körperwahrnehmung

Ich arbeite mit den Zyklen meines Körpers, nicht gegen sie. Meine Produktivität schwankt im Tages-, Wochen- und Monatsrhythmus. Ich spüre das körperlich. Sobald mein Körper Symptome der Erschöpfung zeigt, höre ich auf ihn und ruhe mich aus. Sofort.

Egal was anliegt, es kann warten. Die meisten Dinge können locker verschoben werden. Wir glauben nur, wir müssten alles sofort erledigen oder es genauso machen, wie es erwartet wird. 

4. Ich setze Grenzen

Grenzen setzen war eine meiner größten Herausforderungen in jungen Jahren. Ich hatte die innere Überzeugung, dass sich die andere Person abwenden, ich die Verbindung verliere und allein bleiben würde. Wenn ich um Hilfe gebeten wurde, half ich. Auch wenn ich eigentlich keine Kapazitäten dazu hatte. Ich konnte einfach nicht nein sagen. Das powerte mich bisweilen aus. Ich spürte meine Grenzen erst, wenn es zu spät war. Ich ließ zu, dass Menschen wiederholt meine Grenzen übertraten, in der Annahme, sie würden es schon selbst merken und aufhören. Fehlschluss. Ich sprach damit unbewusst die Einladung aus, weiter zu machen. Das führte bei mir zu Frust und ich wurde passiv aggressiv. Natürlich verstand mein Gegenüber gar nicht, was los war.

Durch viele Jahre spirituellen Wachstums und tiefe Erkenntnisse lernte ich, nicht jede an mich gerichtete Erwartung erfüllen zu müssen und trotzdem in Verbindung zu bleiben. Ich lernte, meine Grenzen überhaupt erstmal wahrzunehmen und dann liebevoll zu kommunizieren, bevor sich Wut in mir anstaut. Nicht nur der Druck, es allen Recht machen zu müssen und in Stress zu geraten ließ nach, auch meine Beziehungen verbesserten sich.

5. Ich gehe entspannt mit Regeln um

Regeln sind notwendig für unser friedliches Zusammenleben, im Großen wie im Kleinen. Ohne Regeln geht es nicht. Und klar, müssen sie befolgt und ihr Bruch Konsequenzen nach sich ziehen. Und doch gibt es viele Regeln und sogar Gesetze, die unhinterfragt fortbestehen und befolgt werden, ohne dass sie Sinn machen. Zum Beispiel das Gesetz, das Namensänderung verbietet bzw. nur aus 3 Gründen zulässt. Es stammt aus der Nazizeit und richtete sich gegen Juden. Heute ist das obsolet, wird aber weiterhin akribisch umgesetzt.

Regeln sind von Menschen für Menschen gemacht. Sie könnten auch komplett anders sein. Und weil das so ist, können Regeln geändert werden. Ich prüfe häufig, ob eine Regel Sinn macht oder nicht, bevor ich mich daran halte. Das führt manchmal zu Irritationen auf Seiten der Anderen. Für mich ist es das wert. Und meine Erfahrung: nicht allen Regeln folgen geht.

6. I let go of control

Stress entsteht häufig, weil wir Dinge kontrollieren wollen, die wir nicht kontrollieren können. Kleines Beispiel: Kindererziehung. Ich erlebe viele gestresste Mütter, die die Ursache bei ihren Kindern sehen. Die kids machen oft nicht was die Mama will und haben auch nicht das Zeitempfinden von Erwachsenen. Blöd. Dann klappt es nicht wie geplant und bums sind wir im Stress.

Auch ich plane und unterliege Zeitgrenzen. Doch wenn mein Plan nicht aufgeht, fein. Dann mache ich es anders, so wie es eben geht oder gar nicht. Ich bin mega flexibel.

Auch Zeit ist ein Kostrukt, genauso wie unser Umgang damit. Ein schönes Beispiel aus Indien: Während einer Zugfahrt stand der Zug – stundenlang. Im Abteil saß außer uns nur ein weiterer Europäer – ein Engländer, der nervös auf seinem Sitz hin und herrutschte. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus. Er fragte lauthals: What are we waiting for? Sein indischer Sitznachbar schaute verständnislos und antwortete: What do you mean? We are waiting for the train to leave.

Wenn wir versuchen, Dinge zu kontrollieren, die wir nicht kontrollieren können, geraten wir in Stress. Nehmen wir äußere Umstände als das was sie sind – Teil des Lebens – bleiben wir entspannt.

 

7. Ich meditiere seit knapp 30 Jahren

wenn auch nicht täglich und oft über lange Zeiträume gar nicht. Aber das wirkt sicher auch. Außerdem habe ich tiefe spirituelle Erfahrungen – sag ich mal so – gemacht. Ich reise nicht nur im Diesseits, sondern auch im Jenseits. Da gibt’s keinen Stress. Warum also in der Welt stressen.

Kurz und Knapp

Mein stressfreies Leben fußt auf einer Mischung aus Mindset, Körperwahrnehmung und spirituellen Erkenntnissen.

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Coach & Mentorin für Frauen Empowerment | Diversity-Expertin | Interkulturelle Trainerin I Autorin | Ethnologin